Wenn die Kinder erwachsen werden.
In den nächsten Tagen feiert meine Tochter Geburtstag. Und obwohl Geburtstage natürlich jedes Jahr wiederkommen, hat mich dieser Geburtstag diesmal dazu gebracht, ein bisschen über die Mutterrolle und darüber nachzudenken, wie sehr sie sich im Laufe des Lebens verändert.
Meine Tochter ist längst erwachsen, obwohl ich das kaum glauben kann. Sie steht auf eigenen Beinen, trifft ihre eigenen Entscheidungen und führt ihr eigenes Leben. Eigentlich genau das, was man sich als Mutter irgendwie wünscht. Und trotzdem sitze ich manchmal da und denke: Wie kann es sein, dass dieses Kind, das einmal so klein war, inzwischen eine eigenständige Person ist?
Ich glaube, als Mutter verliert man dieses Staunen nie so richtig.
Irgendwann braucht das Kind die Mutter anders
Als die Kinder klein sind, ist die Mutterrolle sehr konkret. Man sorgt dafür, dass sie essen, schlafen und rechtzeitig zur Schule kommen. Man tröstet bei aufgeschlagenen Knien, hilft (mehr oder weniger) bei Hausaufgaben, fährt irgendwohin, packt Taschen und weiss meistens ziemlich genau, wo das eigene Kind gerade ist. Auch wenn das im letzen Jahrtausend manchmal ein bisschen anders war, ohne Handys und Internet.
Das Kind wird erwachsen, zieht aus, verdient sein eigenes Geld, baut sich einen eigenen Freundeskreis auf und trifft Entscheidungen, bei denen man als Mutter nicht mehr automatisch gefragt wird. Und das ist gut so.
Wir wollen ja schliesslich keine erwachsenen Kinder, die für jede Entscheidung zuerst ihre Mutter anrufen.
Aber die Rolle verändert sich eben, sie verschwindet nicht.
Man ist nicht plötzlich keine Mama mehr
Ich glaube, manchmal wird über das Loslassen von erwachsenen Kindern so gesprochen, als müsste man irgendwann einen imaginären Schalter umlegen.
Kind erwachsen.
Schalter umlegen.
Keine Sorgen mehr.
So funktioniert es aber bei den meisten Eltern nicht.
Auch wenn meine Tochter fast 40 ist, mache ich mir Gedanken um sie. Ich frage mich, ob es ihr gut geht, ob sie glücklich ist, ob sie auf sich achtgibt und ob sie mit den Dingen zurechtkommt, die das Leben ihr gerade vor die Füsse legt. Natürlich kann und will ich ihr nicht mehr vorschreiben, was sie tun soll. Sie ist eine erwachsene Frau und darf ihr Leben so gestalten, wie es für sie richtig ist.
Aber nur weil sie selbstständig ist, hört mein Gefühl als Mutter nicht einfach auf.
Ich glaube sogar, dass sich Sorgen im Laufe der Jahre manchmal verändern. Bei einem kleinen Kind sorgt man sich vielleicht, weil es krank ist oder allein auf dem Schulweg ist. Bei einem erwachsenen Kind sind es andere Dinge. Beziehungen, Arbeit, finanzielle Sorgen, Gesundheit, Entscheidungen und manchmal auch Dinge, bei denen man genau weiss, dass man sie nicht für das eigene Kind lösen kann.
Und das ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Teile daran, ein Kind erwachsen werden zu sehen: Man möchte jedes Problem für sie lösen, kann und soll dies aber nicht.
Loslassen bedeutet nicht, dass einem alles egal wird
Für mich bedeutet Loslassen deshalb nicht, dass ich aufhöre, mich zu kümmern. Es bedeutet vielmehr, zu akzeptieren, dass mein Kind ihr eigenes Leben lebt. Ich kann zuhören. Ich kann meine Meinung sagen, wenn ich danach gefragt werde. Ich kann da sein, wenn sie mich braucht. Ich kann mich mit ihr freuen und mit ihr traurig sein.
Aber ich kann ihre Entscheidungen nicht für sie treffen. Und ehrlich gesagt, möchte ich das auch gar nicht.
Denn zu sehen, wie ein Mensch, den man selbst einmal auf die Welt begleitet und grossgezogen hat, seinen eigenen Weg findet, ist auch etwas sehr Schönes. Auch wenn sie manchmal Entscheidungen treffen, die man selber nicht oder ganz anders getroffen hätte.
Aus «Ich muss mich kümmern» wird «Ich bin für dich da»
Vielleicht ist das eine der grössten Veränderungen in der Mutterrolle.
Früher war vieles ein «Ich muss». Ich muss aufpassen. Ich muss helfen. Ich muss füttern.
Bei einem erwachsenen Kind wird daraus immer mehr ein «Ich bin da». Das klingt nach einem kleinen Unterschied, aber für mich fühlt es sich nach einer ganz anderen Beziehung an.
Man kann miteinander sprechen, lachen, sich austauschen und auch einmal völlig unterschiedlicher Meinung sein. Die Beziehung muss nicht mehr hauptsächlich darauf beruhen, dass eine Person für die andere verantwortlich ist. Man lernt sich als Erwachsene noch einmal neu kennen.
Und vielleicht ist das sogar einer der schönsten Teile dieser Lebensphase und der Beziehung zwischen Elternteil und Kind.
Was bleibt, wenn die Kinder ihren eigenen Weg gehen?
Ich glaube, viele Eltern erleben diese Veränderung ganz unterschiedlich. Für manche ist es zunächst ein grosser Einschnitt, wenn die Kinder ausziehen und das eigene Zuhause plötzlich stiller wird. Für andere fühlt es sich vor allem nach einer neuen Freiheit an. Beides kann gleichzeitig vorhanden sein. Auch psychologische Fachliteratur beschreibt diese Phase nicht als eine einzige, für alle gleiche Erfahrung, sondern als Veränderung der Elternrolle, die neben einem Gefühl von Verlust auch neue Freiheiten und Möglichkeiten eröffnen kann.
Ich finde den Gedanken schön, dass man als Mutter irgendwann wieder mehr Raum für sich selbst bekommt, ohne dass die Verbindung zu den Kindern dadurch kleiner werden muss.
Die Kinder gehen ihren eigenen Weg. Und wir dürfen unseren eigenen Weg ebenfalls weitergehen.
Was kommt jetzt? Nicht nur für mein Kind, aber auch für mich?
Happy Birthday!
Wenn meine Tochter in den nächsten Tagen Geburtstag feiert, werde ich wahrscheinlich wieder einmal darüber staunen, wie schnell die Zeit vergangen ist.
Eine erwachsene Frau. Und trotzdem wird sie für mich immer auch das kleine Mädchen bleiben, das Britney Spears Lieder in meine Rundbürste gesungen hat und jede Katze in der Nachbarschaft mit Namen kannte.
An meine Tochter und an alle anderen…
Alles Liebe,
Ursula