Scheitern als spirituelle Person – und die Scham, die man nicht mehr haben sollte.

Ich bin gerade an etwas gescheitert.

Ich werde hier nicht ins Detail gehen. Nicht, weil ich ausweiche. Sondern weil gewisse Prozesse noch nicht ganz abgeschlossen sind. Aber ich möchte über etwas sprechen, das viel grösser ist als das konkrete Ereignis.

Ich möchte darüber sprechen, wie es sich anfühlt, als spirituelle Frau zu scheitern.

«Du solltest doch weiter sein»

Wenn man sich seit vielen Jahren mit Spiritualität beschäftigt, wenn man Menschen begleitet, Intuition lehrt, über Bewusstsein spricht, entsteht unweigerlich ein innerer Anspruch.

Man denkt irgendwann:
«Ich sollte das doch im Griff haben.»
«Ich müsste doch weiter sein.»
«Ich weiss es doch besser.»

Und genau dort beginnt es weh zu tun.

Denn Scheitern fühlt sich nicht nur wie ein Fehler an. Es fühlt sich wie ein Widerspruch zur eigenen Identität an.

Nicht nur als Vorbild. Sondern einfach als jemand, der diesen Weg schon so lange geht. Wenn ich doch schon so viel spirituelles Wissen habe, wieso zum Teufel scheitere ich immer noch?

Der zusätzliche Druck als spirituelle Lehrerin

Als spirituelle Lehrerin kommt noch etwas hinzu. Ein subtiler, aber spürbarer Druck.

Was denken die Menschen, die ich begleite?
Was denken jene, die mich als erfahren wahrnehmen?
Verliere ich an Glaubwürdigkeit? An Menschlichkeit?

Und auch wenn dieser Gedanke nicht sein sollte…verliere ich Kunden? Aufträge? Mein gesamtes Geschäft?

Man spricht über Vertrauen.
Über Hingabe an den Prozess.
Über innere Führung.

Und dann steht man selbst da und merkt: Ich habe eine Entscheidung getroffen, die nicht getragen hat. Ich habe etwas übersehen. Ich habe mich verschätzt.
Vielleicht die Situation unterschätzt. Und mich überschätzt.

Und sofort meldet sich diese Stimme:
«Wie kannst du andere begleiten, wenn du selbst gerade gescheitert bist?»

Diese Art von Scham ist anders. Sie ist tiefer. Sie trifft nicht nur das Handeln. Sie trifft das Selbstbild.
Und im schlimmsten Fall, die Einnahmen, welche mir ein Dach über meinem Kopf bezahlen.

Die Illusion der spirituellen Unfehlbarkeit

Vielleicht ist es eine stille Illusion, die viele von uns in sich tragen. Die Vorstellung, dass man irgendwann an einem Punkt ankommt, an dem man nicht mehr so hart fällt. An dem man gewisse Lektionen «durch» hat.

Aber das Leben interessiert sich nicht für spirituelle Titel.
Es interessiert sich nicht für Erfahrungspunkte.
Und es prüft uns nicht weniger, nur weil wir bewusst leben wollen.

Ich merke gerade sehr deutlich: Spiritualität macht mich nicht unfehlbar. Sie macht mich nur bewusster im Hinfallen.

Die innere Konfrontation

Was im Moment am stärksten ist, ist nicht das äussere Scheitern. Es ist die innere Konfrontation.

Mit meinem Anspruch.
Mit meinem Stolz.
Mit meinem Wunsch, kompetent zu wirken. Und, augenscheinlich, das nicht zu sein.
Nicht genug…

Ich darf mir eingestehen, dass ich dachte, ich wäre über gewisse Themen hinaus. Dass ich dachte, ich hätte bestimmte Muster «integriert».

Und nun sehe ich: Integration ist kein Endzustand. Sie ist ein Prozess.

Was bleibt, wenn das Ideal bröckelt

Wenn das Bild der souveränen, stets klaren spirituellen Frau Risse bekommt, bleibt etwas anderes übrig.

Menschlichkeit.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem echte Tiefe entsteht. Nicht dort, wo ich alles erklären kann. Sondern dort, wo ich ehrlich sagen kann: «Ich bin gerade am Lernen.»

Nicht als Marketingstrategie.
Nicht als bewusst inszenierte Verletzlichkeit.
Sondern als Tatsache.

Scheitern bedeutet nicht Rückschritt

Es fühlt sich im ersten Moment wie ein Rückschritt an. Wie ein «Wieder von vorne beginnen».

Aber vielleicht ist es eher ein Vertiefen. Ein Schichtenwechsel. Ein ehrlicheres Hinschauen.

Ich merke, dass ich meine eigene Arbeit nun noch anders verstehe. Nicht aus einer übergeordneten Position heraus, sondern aus der Mitte des Erlebens.

Nicht über dem Prozess.
Sondern im Prozess.

Zum Schluss

Wenn du das hier liest und vielleicht selbst gerade an etwas gescheitert bist, dann möchte ich dir sagen:

Auch wenn du schon lange auf deinem Weg bist.
Auch wenn du andere begleitest.
Auch wenn du dachtest, gewisse Themen lägen hinter dir.

Du darfst scheitern.

Nicht, weil es angenehm ist.
Sondern weil es menschlich ist.

Und vielleicht liegt wahre spirituelle Reife nicht darin, nie mehr zu fallen. Sondern darin, sich selbst auch im Fallen nicht zu verlassen.

Alles liebe
Ursula

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